Mittwoch, 8. Juli 2015

Der Simserhof - Eine Reise ins Elsaß und nach Lothringen Teil 1





Da ich mit meinen beiden Waterloo Artikeln und den Gettysburg Betrachtungen jetzt so richtig schön im Fluss bin, die nächsten hinterher.

Wie einige von Euch ja wissen, ist es mittlerweile bei mir und drei Freunden gelebte Tradition, dass wir um den 6. Juni herum gemeinsam einen Kurztrip unternehmen.

Meistens führte es uns bisher da in die Normandie; aber man muss ja auch etwas Abwechslung in die Geschichte bringen.

Dieses Jahr hatten wir uns entschieden mal ins schöne Elsaß zu fahren. War für mich ja quasi ein Heimspiel, da ich in 150 km Entfernung lebe.

Für Jens und Ralf aber schon ein Weg aus dem Norden Deutschlands. Da musste sich ja Urlaubsstimmung einstellen.

Egal. Heiko in Duisburg aufgesammelt, dann bei mir aufgeschlagen, und von mir aus ging es los nach Frankreich.

Zentraler Ausgangspunkt unserer Reise war Saverne. Dort bezogen wir ein Mobile Home auf einem Campingplatz, das uns auch auf jeden Fall unsere alltägliche Vergrillung sicherte.

Das Geniale an der Nummer. Wir hatten die vier einzigen schönen Tage im Juni für unseren Trip gebucht. Was will man mehr.

Wie wir vier aber so sind, hielten wir das Programm im erträglichen Rahmen. Uns geht es bei der Nummer auch mehr um ein Zusammensein, weniger um ein touristisches Hardcore Event. Alles im Rahmen, auf jeden Fall was historisches sehen, aber nur einen großen Programmpunkt am Tag, denn irgendwann müssen ja auch die gegrillten Hackfleisch Spezialitäten mit Schafskäse, die diversen Kotellets, Würste und Vegiegeschichten für Vegieralf ja verspeist werden.

Ist ja selbstredend.

Schwerpunkt unserer Reise waren zwei historische Forts. Da wollten wir auch einen kleinen Zeitsprung machen und uns Unterscheide und Entwicklungen zwischen 1880 und 1940 zu Gemüte führen.

Den Abschluss bildete dann noch ein Besuch im Wehrgeschichtlichen Museum in Rastatt.

Ich teile diesen Bericht in 3 Teile, da es doch ziemlich viel Bildmaterial ist.

Teil 1: Simserhof





Freitags ging es also von Saverne aus durch die nördlichen Vogesen Richtung Simserhof (Lothringen). Ein Werk der Maginotlinie in der Nähe der französischen Stadt Bitche. Ja die Stadt heißt wirklich so (im deutschen Bitsch). Na und bevor Ihr Euch komplett wegschmeißt noch eine unfassbare Tatsache dazu: Der Nachbarort heißt… SCHWANGERBACH. Wenn das mal nicht der Brüller ist.

Mein Gott war es heiß an dem Tag. Der erste Tag mit knapp 30 Grad in diesem verregneten Frühjahr. Irgendwie hatten wir das Gefühl, dass es noch viel heißer ist, als das, was auf dem Thermometer stand.

Na zum Glück ging es ja in einen Bunker, der eine konstante Temperatur von knapp 12 Grad hat. Natürlich waren wir vorbereitet und hatten die dementsprechenden Klamotten an.

Auch hier wieder ein Hinweis an Spontanausflügler, Eventtouristen und ähnliches. Leute; nehmt die Hinweise ernst. Packt Euch eine dicke Jacke und neben Euren Hot Pants noch was anderes ein. Da friert man sich wirklich sonst was ab.

Für 12,- € pro Nase bekommt man echt etwas richtig Gutes und Informatives geboten. Der Trip ist nämlich in zwei Teile geteilt.

Es gibt eine französische und eine deutsche Führung. Immer im Wechsel.

Also schon ein klein wenig Zeit mitbringen, denn manchmal muss man schon warten. Stellt aber kein Problem dar. Zur Anlage gibt es nämlich ein nettes Cafe; außerdem kann man auch im Museumsshop stöbern.

Also kein Grund zur Sorge bei der Ausflugsplanung, auch nicht bei Regenwetter.


Im ersten Teil des Besuchs fährt man mit einer kleinen Eisenbahnlore durch den ehemaligen Munitionsbunker der Anlage. Während der Fahrt wird man dann über die integrierte Soundanlage über diverse Aspekte des Werks informiert. 




An bestimmten Stellen hält die Bahn. Man sieht Filmausschnitte, in denen ein Soldat über Leben und Dienst in der Maginotlinie berichtet. Von den Waffen und Armierungen der Forts. Von den deutschen Angriffen im Mai 1940. Von der Kapitulation und der Übernahme der Anlage durch die Deutschen.






Irgendwie hat man das Gefühl man fährt durch eine Geisterbahn, na und wundern würde es einen nicht, wenn dann da plötzlich ein Soldat aus einer Ecke springen würde.

Beeindruckend war ein Geschütz, das in einer Nische ausgestellt war. Dieses war durch einen Rohrkrepierer zerfetzt worden. Stahl wohlgemerkt. Was eine Kraft.









Nach einer ca. 45 minütigen, informativen und kühlen Zugfahrt verließen wir wieder den Bunker, wo uns dann am Bahnsteig Heiko erwartete.

Nein. Nicht unser Heiko, sondern Heiko, der Fremdenführer.

Ein junger Medizinstudent, in Deutschland geboren, aber in Frankreich aufgewachsen; zweisprachig; und was soll ich sagen. Der junge Mann hat uns einfach überrascht. Klasse Führung, sehr kompetent. Wusste auf alle Nerdfragen eine Antwort.

Eine richtig gute, runde, lebendige Geschichte.

100 Punkte von 100 erreichbaren für Heiko!!!! Auch nochmals von dieser Stelle. Danke und merci.

Zuerst mussten wir aber einen Hügel hoch, um zum Bunkereingang zu kommen. Umpff. 32 Grad, wir sind faul. 






Beim Simserhof handelt es sich um ein Hauptwerk der Maginotlinie. Wer sich einen Eindruck über die Ausmaße dieser Anlage machen will, sollte sich einmal diesen Plan hier anschauen:

http://www.alsacemaginot.com/images/plans/forts/simserhof.gif



Wie gesagt, man bewegt sich im unteren Teil der Anlage. Die 45 minütige Bahnfahrt im rechten unteren Teil, der in dem Plan mit Magasin M1 bezeichnet ist.

Die Führung zu Fuß erstreckte sich auf den Bereich der Kaserne und den Küchenbereich (im Plan Caserne, Cuisine). Dieser Teil des Ausflugs dauerte 1:45 h.

Man bekommt echt was geboten fürs Geld.

Die Waffenblocks sind übrigens nicht zur Besichtigung freigegeben.

Aber … die Führung war so umfangreich und gut; wir haben echt nichts vermisst.







Zunächst bekamen wir von Heiko eine kurze Lehrstunde zum Thema, wie verteidige ich den Eingang einer solchen Anlage. Schon durchdacht, wie da das Kreuzfeuer der MGs gelenkt wird. Wie die 4,5 cm Kanone positioniert ist. Dass es da eigene Rohrsysteme gibt, durch die man dann die Handgranaten werfen kann. Wie die Befüllanlage der MG Magazine funktioniert. Dass auch noch Gewehrgranatwerfer im Nahkampf eingesetzt werden konnten. Dass der Diamantgraben eben so tief ist, damit genügend leere Geschosshüllen reinfallen können, und somit nicht die Gefahr besteht , dass das Geschützrohr von diesen verdeckt wird, was ja durchaus der Fall sein könnte, wäre dieser Graben nicht da.









Puh. Tötungsmaschinen werden immer genauestens geplant.

Dann ging es runter in den Bunker. Wir standen vor ein paar Kammern, wo große runde Behälter die Seitenwände füllten. Die Belüftungsanlage der Kaserne. Hammer. Riesig.





Heiko meinte. Die waren ganz schön laut. Wir könnten uns nicht mehr so locker unterhalten. Dann wurde über Belastungen und Probleme der Soldaten geredet. Psychischer Druck. Denn die Soldaten verbrachten mehrere Monate in dieser Anlage.

Am Ende meint der junge Mann.

Wollt Ihr sie mal hören?

Häh?

Klar. Die funktionieren.

What?

Na und los ging es. Wir hörten nichts mehr. Das Ding hätte bei unserem DB Drag Wettbewerb auf der Car-Hifi Roadshow den ersten Preis abgesahnt.

Was ein Bass!!!! Was ein Druck !!!



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Auch die beiden unterschiedlichen Filtersysteme wurden erklärt. Die Deutschen hatten die nämlich nach der Eroberung modifiziert und verbessert.






Modern waren diese Anlagen auch noch aus einem ganz anderen Grund. Man hatte ja aus den Erfahrungen des I. Weltkrieg gelernt. Im Bunker musste ein leichter Überdruck erzeugt werden, damit bei einem eventuellen Gasangriff das Gas nicht in den Bunker kommen konnte. Es wurde also quasi technisch eine Barriere erzeugt, so dass ein Gasangriff wirkungslos verpufft wäre.

Ziemlich fortschrittlich so etwas.

Hier unten waren dann auch noch kleinere Waffen ausgestellt.






Am meisten beeindruckte mich aber die Weite der unterirdischen Gänge. Aber auch die Tatsache, dass das Werk schon relativ modern wirkt. Überall Stromkabel, Ersatzteillager, Werkstätten, Technik.






Professionell eben.

Meine Güte, dachte ich. Was ist der „Atlantikwall“ doch eine Lachnummer im Vergleich zu diesem Werk hier. Der Atlantikwall: Eine der größten Propagandalügen der Nazis. Nur noch getoppt vom West- und Ostwall.

Wir waren ja schon sehr oft in der Normandie, aber dennoch kann ich mich deutlich an unseren ersten Besuch erinnern. Wir irrten alle da mehr oder weniger rum, weil wir die Bunker aus dem Soldat James Ryan bzw. aus dem Computerspiel Call of Duty erwarteten.

Pustekuchen.

Betonunterstände. Ja. Geschützkasematten. Ja.

Aber solch ausgebaute Tunnel, wie man sie als Laie, der sich mit dem Thema noch nicht intensiv befasst hat, erwartet, findet man halt nicht in der Normandie.

Im Vergleich zu einem solchen Hauptwerk – Ouvrage – der Maginotlinie sind die Befestigungen in der Normandie ein Witz. Deshalb fielen sie ja auch im Laufe eines Tages; auch am Omaha Strand.

Die Maginotlinie ist eigentlich immer noch ein Opfer der Nazipropaganda nach dem Frankreichfeldzug. Natürlich konnte sie den Sieg gegen die moderner ausgerüsteten Deutschen nicht verhindern. Die hatten sich eben nicht an Regeln gehalten und die Stellung weitläufig mit modernen Kampfpanzern umgangen. Die Operation Sichelschnitt ignorierte einfach die Befestigungen. Aus gutem Grund. Dass die französische Strategie einer Vorwärtsverteidigung in Belgien, dann noch den Ablauf der deutschen Operation begünstigte, steht auf einem anderen Blatt.

Festzuhalten bleibt, dass es den deutschen Truppen nicht gelang eines der Hauptwerke der Maginotlinie zu stürmen. Kleinere Kasematten wurden beschossen, und auch erobert.

Allerdings kein Hauptwerk.

Somit hatte diese Festungsanlage im Grunde ihren Wert als starre Verteidigung bewiesen. Eine Eroberung hätte nur durch große Verluste erreicht werden können.

Man sollte auch nicht vergessen, dass der Festungsbau an der französischen Ostgrenze traditionell begründet ist. Weit gefasst, könnte man diverse Burgen bereits dazu rechnen, gefolgt dann von den Festungen Vaubans. Diese wurden noch bis in die 1850er Jahre ausgebaut und weiter befestigt.

Direkt nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Verlust des Elsaß bzw. eines Teils von Lothringen begannen die Franzosen mit dem Bau der Barrière de fer. Festungen dieser Bauserie spielten noch eine entscheidende Rolle während des ersten Weltkrieges. Natürlich waren diese zum Teil zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch modernisiert worden. Sie erhielten Betonarmierungen, die Eingänge wurden tiefer gelegt, verstärkt und gesichert, Strom wurde teilweise verlegt und Panzerkuppeln installiert.

Die Forts bei Verdun, Belfort oder auch Reims seien hier als Beispiele genannt. Teile der Forts wurden noch während des Krieges verstärkt und optimiert.

Man darf auch nicht vergessen – auch für die spätere Konzeption der Maginotlinie –, dass sich diese Forts im Ersten Weltkrieg ja auch bewährt hatten. Teilweise eingegliedert in das moderne Schützengrabensystem liefen sich die deutschen Offensiven in ihnen fest. Viele Angriffe blieben im ersten Festungsring stecken. Sie hatten Ihren Wert als Defensivbefestigungen bewiesen.

Die Maginotlinie ist im Grunde eine Fortführung und Verbesserung dieser jahrhundertealten französischen Befestigungstradition. Sie ist da nichts Neues oder Originäres, sondern eine Weiterentwicklung eines bereits vorhandenen Systems. Definiert nach neuen und moderneren Maßstäben und Erfahrungen.

Allerdings eines zum Zeitpunkt Ihres Einsatzes bereits überholten Systems

So steht sie dann auch heute noch da, und man kann das Ganze auch einfach in einem Wort ausdrücken: Beeindruckend.






Der Maschinenraum ist dann auch etwas sehr spezielles. Hier wird der Strom für die Anlage erzeugt, und zwar mit Hilfe von Schiffsmotoren. Diese zeigten sich ideal für die feucht-kalte Umgebungsbedingung der Bunker, und dass sie was taugten, sieht man daran, dass auch sie noch heute in Funktion sind.






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Küche und Waschräume sind natürlich entsprechend der Anlage ausgerichtet. Wobei der Backofen doch relativ klein ist. 








Im Sanitärbereich finden sich natürlich die entsprechenden Stehklos, die ja noch bis in die heutige Zeit in manchen Regionen typisch für französische öffentliche Sanitäreinrichtungen sind.





Auch der Feuerleitraum ist noch heute zu besichtigen. Von hier konnten die Befehle an die Batterien weiter gegeben werden.







Ein nettes Schmankerl ist die Innenausstattung des Aufenthaltsraumes der Soldaten. In diesem Werk war ein französischer Soldat stationiert, der hauptberuflich Künstler war.

Noch heute zieren die Wände Zeichnungen eines damals ganz neuen Kinofilms:

Walt Disneys Schneewittchen!

Man rechnet ja mit allem an solch einem Ort; aber nicht mit so etwas.







Es gibt auch noch Räume, die – wie soll man es nennen – pikantere Bilder dieses Künstlers zeigen.

Diese sind allerdings für die Öffentlichkeit – aus Jugendschutzgründen, so Heiko – gesperrt.

Schade. Klar hätte man die gerne gesehen.

Toll waren auch die Kisten für den Munitionstransport. Idealere transportable Weinschränke gibt es ja gar nicht.





Die Behandlungsräume des Arztes sind fast noch im Original erhalten. Ebenso wie seine elektrische Waage und sein Büro.









Verwundert registrierten unsere Raucher den Aschenbecher auf dem Tisch. Hatte Heiko doch erzählt, dass in der ganzen Anlage w.g. des Luftaustausches Rauchverbot herrschte.

War wohl Raucher der Arzt, meinte Jens.

Ja, antwortete Heiko. Er hat erst vor kurzem damit aufgehört.

Wie jetzt? Meinten wir.

Tja der Arzt ist mittlerweile 104 Jahre alt und besucht den Bunker mindestens einmal pro Jahr. Natürlich prüfend, ob in seinem Büro und in den Behandlungsräumen noch alles in Ordnung ist.

Der Knaller so etwas.

Die Mannschaftsräume sind typisch für die Zeit. Uns kommt so etwas immer beengt vor. Jens, der in seiner Bundeswehrzeit auf der Lütjens und der Gorch Fock gedient hat, findet das immer normal.






Er war das gewohnt mit einer Masse von anderen Personen in einem Deck zu schlafen.

Also … alles nicht so dramatisch.

Das hier gezeigte Einzelbett war allerdings Kranken vorbehalten. Na und die Pritschen im Arrestbereich hatten eine leichte Neigung nach vorne, um dem Arrestanten ein unbequemes Lager zu bieten: Ansonsten wäre ein solches Quartier ja ein Luxus gewesen. Einzelkabine.





Nach 1:45 h gingen wir wieder ins Freie. Vorher waren wir aber noch von den untersten Stockwerken des Bunkers mit dem Munitionsaufzug nach oben gefahren.
Was ein geniales Teil. Völlig ruckelfrei, sehr leise, am Ende mit einer perfekten Bremse ausgestattet.
klar. Der musste ja auch so funktionieren, weil Munition kann halt auch bei nicht sachgemäßer Behandlung in die Luft fliegen.




Draußen im Gelände kann man auch noch überall Stacheldraht ausmachen. Deshalb ist ein Betreten auch fernab der angezeigten Wege verboten. Ich würde es auch nicht empfehlen, da frei rumzulaufen.










Mein Resümee: Die Anlage Simserhof – so benannt zu Ehren eines Bauernhofes, der der Familie Simser gehörte, und früher auf diesem Gelände lag – ist auf jeden Fall eine Reise wert.

Sie ist komplett touristisch erschlossen, die Führungen sind prima. Man erlebt was.

Dass wir noch in den Genuss einer Privatführung kamen, da nur wir vier an diesem heißen Tag den Bunker um diese Zeit besuchen wollten, war natürlich ein ganz persönliches Highlight.

Beste Grüße an unseren Reiseführer Heiko. Perfekt gemacht.


Eins sollte ich an dieser Stelle noch sagen. Auch wenn ich Euch jetzt hier viele Bilder und sogar zwei Videos zeige, so kommt das definitiv nicht an einen Livebesuch ran. Das Werk wirkt einfach erst richtig, wenn man da selbst vor Ort ist, und alles auf sich wirken lässt.
Ich hatte schon im Vorfeld einige Bilder gesehen, aber der Besuch hat mich dann doch sehr, sehr beeindruckt.

Mein nächster Bericht, den ich noch schreiben werde, beschäftigt sich dann mit einer anderen Festung.

Der von den Deutschen erbauten Feste Kaiser Wilhelm II. in Mutzig.

Es lohnt sich mir auch hierhin zu folgen.

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