Montag, 26. April 2010


Der angenehme Duft würziger Nadelhölzer, die im offenen Kaminfeuer glimmten, erfüllte den Raum. Johannes Bückler hatte es sich bequem gemacht. Die Nächte in diesem Spätapril konnten noch richtig kalt werden, waren aber nicht vergleichbar mit den harten Wintermonaten, die jetzt hinter einem lagen.
Er hatte es sich, einen Becher Wein in der rechten Hand, auf einem Teppich, der vor dem Kamin ausgebreitet war, bequem gemacht. Neben ihm lag seine neue Geliebte, Jule Blasius. Diese hatte er erst vor kurzem auf dem Wickenhof bei Kirn kennengelernt, war sie doch die Schwester der in der Gegend bekannten Musikantin Margarethe Bläsius Hier waren sich die beiden vor ein paar Wochen das erste Mal begegnet. Bückler gab sich zunächst als Krämer aus, denn er wusste nicht, wie das junge Mädchen reagieren würde, wenn er seine wahre Identität preisgeben würde.
Lebemann, der er war, wollte er nicht von Beginn an seine Chancen leichtfertig aufs Spiel setzen. Er liebte es mit Menschen zu spielen, liebte es seine Grenzen zu testen, diese zu überschreiten, immer auf der Suche nach der Lust, die ihm bisher versagt geblieben war.
Was hatte das Leben einem armen Sohn eines Deserteurs und einer Diebin schon zu bieten? Bereits als kleines Kind war er gezwungen allzeit sein geschnürtes Bündel an der Seite zu haben, wenn man mal wieder eine Ortschaft verlassen musste. Am wohlsten hatte er sich eigentlich im Feldlager gefühlt, als er und seine Mutter im Troß der österreichischen Armee durch Mähren zogen. Hier hatte man wenigstens regelmäßiges Essen. Doch dieses schöne Leben hatte nach 5 Jahren ein jähes Ende, als der Vater sich entschied gemeinsam mit seiner Familie zu flüchten. Geschickt vorbereitet hatte der alte Bückler diese Tat; und während er daran dachte, musste Bückler leicht lächeln.
Die Kompanie war wieder einmal im böhmisch-mährischen Grenzgebiet unterwegs, und der alte Bückler hatte von seinem Unteroffizier, Sattler hieß er, soweit sich der Schinderhannes erinnern konnte, erfahren, wohin demnächst die Reise ginge.
Schon vor Monaten hatte Sattler damit begonnen ein Auge auf Bücklers Frau zu werfen. Er konnte nicht verstehen, wie ein solcher Tunichtgut an ein solches Weibsbild kommen konnte. Die Gelegenheit war ja gut. Vielleicht, so dachte der Unteroffizier, ziehen wir ja demnächst in eine Schlacht. Man hörte da was aus Frankreich. Na und in einer solchen Schlacht würde es bestimmt Verluste geben, bzw. man konnte ja welche herbeiführen. Na und dann war es doch logisch, dass sich irgendjemand um eine trauernde Witwe kümmern musste; und wer konnte das besser, als ein Unteroffizier der Armee Habsburgs.
Der alte Bückler wusste natürlich von den Vorlieben seines Unteroffiziers und hatte seine Frau ins Vertrauen gezogen. Diese lächelte nur, und meinte, „das kann zu einem richtigen Vorteil für uns werden. Lass mich ihm ein paar schöne Augen machen, und wir kriegen alles raus, was wir wissen müssen.“ Gesagt getan, und so kam es, dass bald schon der Fluchtplan feststand. Als die Kompanie einen Grenzort passierte, der direkt am Fluß March lag, blieb die Frau des alten Bücklers mit Ihrem Kind zurück. Schon Tage zuvor hatte sie Sattler erzählt, wie tragisch es wäre den beschwerlichen Weg mit einem kränkelnden Kind zurückzulegen. Der Unteroffizier hatte daraufhin gemeint, sie solle doch mit dem Kind im nächsten Ort bleiben, da die Kompanie in 14 Tagen auf dem Rückweg wieder an der gleichen Stelle vorbeikommen würde. Dann sei das Kind doch sicherlich gesund.
Das hatte sie ihrem Mann erzählt und Bückler wusste genau, was zu tun war: Er sagte seiner Frau er würde nach ungefähr 2 Tagen die Kompanie des Nachts verlassen und zu Ihnen stoßen. Gesagt getan. Mitten in der Nacht als die Gelegenheit günstig war, entfernte er sich von der Truppe, schnappte sich Frau und Kind und floh bis er wieder wohlbehalten im heimatlichen Hunsrück ankam. Dort blieb man dann auch erst einmal.
Hier lernte der Sohn, eben Johannes Bückler, als die Zeit da war, das Handwerk des Abdeckers, eben des Schinders, und seit diesen Tagen war er als der Schinderhannes bekannt.
Bückler nahm einen tiefen Schluck aus seinem Pokal, als er die Vergangenheit an sich vorbeiziehen ließ.
Jetzt allerdings war er in der Gegenwart und Jule lag neben ihm. Eine Frau, wie er sie sich immer vorgestellt hatte. Spätestens als sie nach dem Tanz auf die Schmidtburg zuritten, konnte sie ahnen, was sie da für einen Mann an seiner Seite hatte. „Angst ??“, hatte Hannes sie gefragt. „Vor was, oder vor wem ?“, hatte sie ihm geantwortet, und ihm mit einem Lächeln klar gemacht, dass sie das wirklich dachte, was sie sagte. Seit diesem Abend waren sie Gefährten, und seit diesem Abend gehörte sie, aber auch ihre Schwester, die mit Dahlheimer, einem Mitglied seiner Bande sich Tisch und Lager teilte, zur Schinderhannesbande.
Die Schmidtburg, auf der sie sich befanden, war ein ideales Versteck. Halb verfallen lag sie in einem engen Seitental des Hahnenbachtals. Auf der Oberburg hatte früher der kurtrierische Amtmann seinen Sitz gehabt. Obwohl die Unterburg schon in alten Zeiten verfallen war, und die Franzosein im pfälzischen Erbfolgekrieg auch nicht mehr viel von der Oberburg übriggelassen hatten, verblieben den Amtmännern doch noch ein Wohnhaus und ein Wirtschaftgebäude auf der Burganlage.
Hier war es, wo der Trierer Amtmann vor den vorrückenden Franzosen abgerückt war, und seitdem war die Burg gänzlich verwaist, bis, ja bis, sich der Schinderhannes hier niederließ.
Hoch auf einem Bergrücken lag die Ruine und die neu aufgestellten Wachen der Bande konnten von allen Ecken das Tal kontrollieren. Ungebetene Gäste würden direkt auffallen.
...

Anbei ein Bild der Wachen.

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